Pause ohne Zählzeit

Da sitze ich also. Tag 33 der Krise. Und wie sonst auch gehört die erste halbe Stunde des Tages einem Kaffee, meinem Mann und mir. In Ruhe. Ohne Kinder.

Sonst ist alles anders. Komplett. Schonungslos. Ich in Teilen fassungslos; sprachlos. Und das, obwohl die Stimme mein Beruf, mein Elixier ist:

 

Ich bin studierte Sängerin und Musikpädagogin und hatte in meinem Leben zwei feste Stellen an verschiedenen Opernhäusern. Doch war auch immer der Wunsch in mir, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, meiner Leidenschaft nachzugehen, Musik mit kleinen Menschen zu teilen.

 

Nach der Geburt meines zweiten Sohnes war klar für mich, ich werde den Kurs ändern. Springen. Etwas Neues wagen. Und so habe ich meine feste Stelle an der Oper gekündigt und mich selbstständig gemacht. Mit einer Musikschule, die den Schwerpunkt in der musikalischen Frühförderung hat. Das war vor dreieinhalb Jahren. Und ich bin angekommen. Ich empfinde meine Arbeit als Privileg: ich tue das, was ich liebe, habe meinen Sinn gefunden. Und kann mein jetziges Leben viel besser leben als das Theaterleben. Vor allem als Mutter und Familienmensch.

 

Meine Musikschule läuft gut. Mehr als das. Der Rohrspatz ist in in der Zwischenzeit eine kleine Institution geworden. Die Nachfrage ist groß und ich habe seit 01.03. eine Teilzeitkraft im Backoffice eingestellt. Eine festangestellte Musikpädagogin soll im August folgen. Weil ich es anders machen wollte und nach wie vor will. Ein Zeichen setzen, weg von allen Honorarverträgen.

 

Und jetzt?!

 

Jetzt sitze ich hier, und alles, worauf ich stolz bin, alles was unter die Rubrik Gründen, Frausein, Erfolg, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Selbstverwirklichung, Kreativität fällt, steht auf Stopp. Pause. Aber es ist eine Pause ohne Zählzeit. Ich weiß nicht, wie lange die Pause dauert. Meine Einnahmen sind zu 100% weg. Die von mir, wie ein Herdentier im Rudel Trabende, beantragte Soforthilfe habe ich erhalten. Quasi sofort. Und kann damit zumindest meine Miete und meine Mitarbeiterin bezahlen.

Meine Krankenkasse davon zu begleichen oder den wöchentlichen Familieneinkauf damit zu tätigen, sprich das zu tun, was ich seit Jahren gleichberechtigt und unabhängig tue, ist nicht gestattet. Und so verweist mich die Soforthilfe mit erhobenem Zeigefinger an die Überbrückungshilfe, die ursprünglich einen Pauschalbetrag für den Einnahmenausfall für KünstlerInnen versprochen hatte. Doch die Töpfe sind leer.

 

In meinem normalen Arbeitsalltag unterrichte ich Elternkind-Gruppen. Und schon allein die Worte „Elternkind“ und „Gruppe“ schreien den Hygienestandards laut entgegen. Meine Zielgruppe wird den Mindestabstand von 1,5m nicht einhalten können. Online-Unterricht für eine Zielgruppe unter drei Jahren?!?? Ich hatte viele Anfragen und der Druck, etwas abliefern zu müssen, hat mich vor allem in den ersten Wochen fast erdrückt. Aber ich habe mich besonnen. Meine Werte wiedergefunden; vor allem darauf gehört. Und mich bewusst dagegen entschieden. Was geblieben ist, sind kleine Aufmerksamkeiten für zwischendurch.

 

Mein Mann wird voraussichtlich in Kurzarbeit gehen. Wir werden es irgendwie schaffen und natürlich trifft es andere gravierender. Doch sollte die Politik aufwachen und an all jene denken, die das Leben im Kleinen bunt machen. Und deshalb erhebe ich meine Stimme im Hier und Jetzt für alle Kreativen, Freien, Schaffenden. Bevor ich ab Montag zwischen Homeschooling, Mittagessenkochen und dem Versuch, sichtbar zu bleiben, wieder sprachlos werde.